"Diese Hypnobirthing -Bubble macht mich manchmal so wütend..."
- Anna Witzler

- 16. Aug.
- 2 Min. Lesezeit

Diesen Sommer war ich auf verschiedenen Festivals unterwegs und habe viele wunderbare Menschen kennengelernt.
Dabei kam ich mit Sandra ins Gespräch.
Sie fragte mich, was ich beruflich mache.
Ich erzählte ihr, dass ich Frauen nach einem Kaiserschnitt begleite. Dass ich ihnen helfe zu verstehen, was während ihrer Geburt geschehen ist, ihre Erfahrung zu verarbeiten und wieder Vertrauen in ihren Körper zu entwickeln – damit sie ihren weiteren Weg und eine nächste Geburt angstfrei und selbstbestimmt gestalten können.
Sie schaute mich an und sagte:
"Weisst du, mich macht diese ganze Hypnobirthing- und Vertrauens-Bubble
manchmal einfach nur wütend."
Sie erzählte mir ihre Geschichte.
Sie hatte Hypnobirthing gemacht. Mentale Vorbereitung. Schattenarbeit. Sie war körperlich fit, hatte eine erfahrene Hebamme und plante voller Vertrauen eine Hausgeburt.
Und trotzdem endete ihre Geburt ganz anders als erhofft.
"Ich habe doch alles richtig gemacht."
Dieser Satz hat mich tief berührt. Denn genau das glaube ich auch.
Du hast alles richtig gemacht.
Jede Frau tut in dem Moment das Beste, was sie kann – mit dem Wissen, den Möglichkeiten und den Umständen, die sie gerade hat.
Deshalb werde ich niemals einer Frau sagen, sie hätte einfach besser atmen, mehr vertrauen oder sich besser vorbereiten müssen.
So einfach ist Geburt nicht.
Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass wir nicht Opfer unserer Geschichte bleiben müssen.
Für mich gibt es einen Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung.
Schuld bedeutet für mich:
Ich bin schwach. Ich habe versagt. Ich hätte es verhindern müssen.
Verantwortung bedeutet:
Ich bin stark und aus Stärke nehme ich die Erfahrung an als Teil meiner Geschichte. Ich entscheide, wie ich mit dieser Erfahrung weitergehe.
Vielleicht kannst du irgendwann zum Schluss kommen:
Diese Erfahrung war wichtig für mich zu diesem Zeitpunkt.
Sie hat mich geprägt und verändert.
Und hier wird es persönlich.
Für mich war es heilsam, irgendwann sagen zu können:
Vielleicht verstehe ich nie ganz, warum meine erste Geburt genau so verlaufen ist. Aber ich darf ihr einen Sinn geben.
Ich persönlich glaube, dass diese Erfahrung Teil meines Weges war und dass sie mich verändert hat. Letztlich hat mich mein Kaiserschnitt der Frau gemacht hat, die heute andere Frauen begleitet.
Das muss niemand genauso sehen, denn jede Frau darf ihren eigenen Weg finden, ihrer Geschichte Bedeutung zu geben.
Vielleicht glaubst du an eine höhere Bestimmung, vielleicht blickst du gern tief in die Psyche und erkennst dort deine Gründe und deine Bedeutung.
Und vielleicht magst du erkennen: Diese Erfahrung definiert mich nicht.
Was ich dir heute mitgeben möchte, ist deshalb nicht die Botschaft, dass du mehr hättest vertrauen müssen.
Sondern diese:
Du darfst trauern.
Du darfst wütend sein.
Du darfst Fragen haben.
Und gleichzeitig darfst du darauf vertrauen, dass Heilung möglich ist – und dass deine Geschichte nicht dort endet, wo dein Kaiserschnitt begonnen hat.
Alles Liebe
Anna Salomé




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